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Montag, 28. März 2011

Nach Tschernobyl: Offener Brief von Franz Alt an Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl

Schluss mit dem atomaren Glücksspiel

Von Alt, Franz
Offener Brief des CDU-Mitglieds Franz Alt an Helmut Kohl *

Lieber Helmut Kohl,

als Antwort auf die Katastrophe von Tschernobyl haben Sie vor dem Bundestag gesagt, die Nutzung der Kernenergie sei "ethisch zu verantworten". Sie übernehmen hier - scheinbar - eine Verantwortung, die kein Mensch übernehmen kann. Oder wie sollte denn die Übernahme Ihrer Verantwortung praktisch und konkret aussehen, wenn im nächsten Jahrzehnt gesundheitliche und im nächsten Jahrhundert genetische Spätfolgen deutlich werden durch Tschernobyl oder einen weiteren Unfall? Wie wollen Sie praktisch Verantwortung tragen für die psycho-sozialen Schäden an Millionen Kindern, die in diesen Wochen in Angst und Schrecken leben?

Ich weiß, wie sehr Sie die hohen Abtreibungszahlen in unserem Land belasten. Aber wie soll denn die "ethische Verantwortung" des Politikers Helmut Kohl konkret aussehen gegenüber jenen Ungeborenen, die in diesen Tagen deshalb abgetrieben werden, weil ihre Eltern nach der Bewusstseinsdämmerung der atomaren Gefahr von abgrundtiefen Ängsten und von Verzweiflung gepeinigt werden? Wie lange wollen Sie eine zivile und militärische Atompolitik ethisch verantworten, die im Katastrophenfall die Abtreibung von Millionen Geborener bedeuten kann? Je länger wir jetzt noch Atompolitik betreiben, desto schlechter steht es mit der Glaubwürdigkeit der Unionspolitik für die Ungeborenen. Wer gegen Abtreibung ist, darf nicht die möglich gewordene atomare Abtreibung der ganzen Welt in Kauf nehmen. Immer mehr Menschen, vor allem Frauen, empfinden Atompolitik als lebensbedrohlich. Hätten Frauen jetzt im Bundestag die Mehrheit, es wäre rasch zu Ende mit dem atomaren Hochmut.

Wir haben bis jetzt Glück gehabt. Aber das atomare Glücksspiel treiben wir nicht ungestraft auf Dauer. Die atomare Wolke von Tschernobyl war lediglich eine Giftwolke - die nächste Atomwolke könnte für Millionen ein Leichentuch am Himmel sein. Wir können nur ernten, was wir säen. Alle Unfälle, die möglich sind, werden irgendwann passieren, wenn wir die Voraussetzungen für mögliche Unfälle nicht beseitigen. Tschernobyl ist die vielleicht letzte Chance zum Umdenken.

Jedes wirkliche Um-Denken setzt ein Um-Fühlen voraus. Wären uns das Gefühl und der innere Instinkt für die Gefahr verlorengegangen, wir wären im Atomzeitalter endgültig verloren. Erst wenn wir in die Grube gefallen sind, erkennen wir offenbar die Notwendigkeit und die Chance, wieder herauszuklettern. Doch manche beginnen schon, sich in der atomaren Grube einzurichten. Dort kann jedoch kein menschenwürdiges Leben wachsen. Ein atomarer Unfall verletzt tief die Würde des Menschen.

Lieber Herr Bundeskanzler, ich höre in diesen Tagen Parteifreunde sagen, ohne Atomstrom kämen wir nicht mehr aus. Besitzen wir die Atomkraft, oder sind wir bereits besessen von ihr? Wenn wir die Geister, die wir riefen, nicht mehr loswürden, dann wäre dies die moralische Bankrotterklärung atomarer Politik. Der Diagnose atomarer Besessenheit liegt keine Verteufelung der Kernenergie zugrunde, aber die Erkenntnis unserer Lern- und Umkehrunfähigkeit.

Wer nach Tschernobyl noch Atomkraftwerke bauen will, begründe dies bitte ehrlich mit den ökonomischen Interessen der Atomwirtschaft, aber nicht mit moralischen Ansprüchen. Moralisieren geht immer zu Lasten der Moral.

Das auch bei uns verbleibende Restrisiko haben Sie "theoretisch" genannt und "für uns alle vertretbar". Diese Argumentation ist unredlich und nach allem, was wir wissen, wissenschaftlich unhaltbar. Tschernobyl hat auch mich gelehrt, daß das, was gestern noch für unmöglich gehalten wurde, sehr wohl möglich ist. Spätestens jetzt dürfen wir nicht länger das Undenkbare mit dem Unmöglichen verwechseln. Diese Verwechslung war die schrecklichste Sünde im Atomzeitalter. Was würden Sie als Kanzler den Betroffenen, uns allen, sagen, wenn hier etwas passiert?

Die Industriegesellschaften in Ost und West haben die Risiken der zivil-atomaren Entwicklung noch länger verdrängt als die der militärisch-atomaren Entwicklung. Bis jetzt haben nur Minderheiten protestiert. Auch ich hatte mich in Wort und Schrift nie am Protest gegen Atomkraftwerke beteiligt. Doch jetzt ist bewiesen, daß es keine friedliche Nutzung der Kernenergie gibt. Und danach fällt erst richtig auf, daß die Technokraten in Ost und West die Gefahren mit denselben Argumenten zu verniedlichen suchen. Wir haben heute eine blocküberschreitende atomare Internationale.

Das christliche Menschenbild unserer Partei kennt nicht jenen neuen perfekten Menschen, der für die totale Sicherheit atomarer Großtechnologie notwendig wäre. Er ist ein technokratisches Hirngespinst. Der Fortbestand menschlicher und technischer Fehler macht das Atomzeitalter um vieles gefährlicher als voratomare Zeiten. Atomar sind wir Weltmeister aber menschlich dieselben Sünder geblieben. Ich begreife nicht, warum heute gerade Konservative auf jeden technokratischen Zug zu springen versuchen, selbst dann noch, wenn dieser gerade entgleist ist.

Wir leben nicht vom Atomstrom, sondern von reiner Luft, sauberem Wasser, strahlender Sonne, gesunden Böden und genießbaren Pflanzen. Die Theologie der Schöpfung lehrt uns: Gott schläft in den Steinen, atmet in Pflanzen, träumt in Tieren und will in uns Menschen erwachen. Gottvertrauen oder Atomvertrauen? Worauf setzen wir?

Auf Gott vertrauende Menschen sollten leichten Sinnes Politik machen, aber nicht leichtsinnige Politik. Wir können nicht zwei Herren dienen. Die alten religiösen Fragen haben eine ganz neue Dimension. Religiös sein heißt heute, die Heiligkeit der Schöpfungsordnung achten - privat und politisch. Die alten konservativen Worte und Werte bekommen im Angesicht der Gefahr eine ganz aktuelle Bedeutung. Ach, wären die Konservativen doch endlich konservativ anstatt atomare Revolutionäre! Die Erhaltung des Lebens und der Lebensgrundlagen ist eine urkonservative Aufgabe, nachdem die Welt am atomaren Abgrund angekommen ist.

Harrisburg, das Challenger-Unglück, Tschernobyl: das sind keine "Heimsuchungen", wie Sie sagen, Herr Bundeskanzler, und schon gar keine gottgewollten Schicksalsschläge. Das ist Menschenwerk.

Wir haben Fehler gemacht. Wir verwechseln Mut mit Hochmut und Angst mit Feigheit. Nur ein blinder Optimismus kann jetzt noch das Sinken und das Eintrüben des ethischen Grundwasserspiegels in unserer Politik übersehen. Sie hatten doch eine moralische Wende versprochen!

Die wichtigste Aufgabe des deutschen Kanzlers ist heute, das atomare Glücksspiel beenden zu helfen. Atomare Großtechnologie ist nicht oder noch nicht menschengerecht. Sie ist nicht oder noch nicht sozial verträglich. Wir brauchen keine neue Moral, wohl aber die Rückbesinnung auf alte Werte, eine Ökologie der Bescheidenheit statt einer Ökonomie der Verschwendung. Tschernobyl hat eine Bewusstseinsdämmerung bewirkt, weit mehr bei den Wählern als bei den Gewählten. Deshalb wird man beim nächsten Unglück kaum noch von "Heimsuchung" oder vom "technischen Versagen" sprechen können, wahrscheinlich aber von charakterlichem Versagen derer, die nicht zu radikalen Konsequenzen bereit waren - falls man überhaupt noch sprechen kann.

Geistige Führung der Politik ist jetzt gefragt. Sie ist überlebensnotwendig. Wählermehrheiten sind heute möglich für Politiker, die von den Reicheren einen etwas bescheideneren Lebensstandard fordern, einen geringen Anstieg der Energiekosten nicht ausschließen und Energiesparen als Tugend preisen. Vernünftige Menschen bringen lieber materielle Opfer, bevor sie selbst geopfert werden. Es gibt zwar keine Rache des Schöpfers, aber eine Rache der Schöpfung.

Lieber Helmut Kohl, Rüdiger Altmann hat im SPIEGEL Ihre Ablösung gefordert. Das ist Personalkosmetik. Mir geht es um die Rückbesinnung auf urchristliches Gedankengut, das in der Ur-CDU nach 1945 noch zu spüren war. Atomarer Fortschritt erweist sich als tödlich. Wir brauchen eine Ethik des Lebens. Zum Glück ist auch heute noch in der CDU-Spitze davon etwas zu spüren. Richard von Weizsäcker fordert ein "Innehalten", Kurt Biedenkopf und der saarländische CDU-Chef einen Umstieg und die baden-württembergische CDU den "Abbau der Kernenergie". Lothar Späth hatte eine weise Entscheidung getroffen, als er Wyhl nicht bauen ließ.

Wenn die Union ihre Umweltpolitik nicht ändert, wird in absehbarer Zeit der Wähler dafür sorgen, dass der CDU/CSU in Herbert Gruhls Ökologisch Demokratischer Partei (ÖDP) eine starke Konkurrenz entsteht. (Um diese Konkurrenz zu verhindert hat der Spiegel diesen Abschnitt bei der Veröffentlichung am 2.6.1986 ausgelassen.) ( http://www.oedp.de )

Auf Dauer ist auch wirtschaftlicher Fortschritt nur mit der Natur denkbar. Die Missachtung dieser Zusammenhänge zerstört Fortschritt und Freiheit. Das CDU-Grundsatzprogramm definiert Freiheit nicht als grenzenlose, sondern als "verantwortete Freiheit". Der einzig ethisch verantwortbare Sachzwang heißt jetzt: keine neuen Kernkraftwerke, rascher Abbau der Kernenergie.

In diesem Sinne
Ihr Franz Alt

Quelle: Der atomare Selbstmord, Herbert Gruhl 1988 Herbig Verlag, Ullstein

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